Kirchengeschichte: Die Berufung des Saulus zur Heidenmission

Nach dem Kapitel “Petrus wird von Gott über die Berufung der Heiden belehrt” gibt es heute das sechste Kapitel aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Auf welchen Wegen das Evangelium sich so schnell von Samaria aus nach Norden und über Galiläa hinaus verbreitete, darüber berichtet uns die Apostelgeschichte nichts. Genug, daß wir wissen: ein bis zwei Jahre nach der Himmelfahrt des Herrn war in Damaskus, hoch oben in Syrien, ungefähr zweihundertfünfzig Kilometer von Jerusalem entfernt, eine kleine Christengemeinde, mitten unter den Juden und Heiden. Durch diese Gemeinde fuhr eines Tages ein jäher Schrecken. Es hieß, Saulus komme von Jerusalem nach Damaskus. Erbleichend fragten die Christen einander: Saulus? — Der Saulus, der unsere Brüder mordet?

Ja, dieser Saulus, der dabei war, als die Juden den Stephanus töteten, zu dessen Füßen sie ihre Obergewänder ablegten, als sie nach den Steinen griffen.

Ungefähr dreißig Jahre war Saulus damals alt. In Tarsus, der Hauptstadt von Zilizien, zwanzig Kilometer vom Mittelmeer in das Land hinein, war er geboren worden. Saulus, d. h. der Erbetene, hatte wohl schon von zu Haus aus auch den römischen Namen Paulus; sein Vater, aus dem Stamme Benjamin, besaß nämlich neben dem tarsischen auch das römische Bürgerrecht. In dem Bericht der Apostelgeschichte tritt der römische Name Paulus an die Stelle des jüdischen Saulus in dem Augenblick, als der Apostel mit der römischen Welt in Berührung kommt. Sein Vater, ein Zelttuchmacher, hatte zuerst in Jerusalem gewohnt und war von da nach Tarsus ausgewandert. Seine Beziehungen zu Jerusalem aber waren damit nicht geschwunden; denn eine Schwester des Apostels war in Jerusalem verheiratet.

Saulus wurde als Kind ganz streng im Geist der Pharisäer, deren Richtung sein Vater angehörte, erzogen und kam später zur weiteren Ausbildung auch in die Schule der Pharisäer nach Jerusalem. Hier entwickelte er sich zu einem außerordentlich geschickten Vertreter strengsten Pharisäertums; dabei war er wie kein zweiter voll Eifer für die jüdischen Gesetze und voll Haß gegen die Christen. Nicht zufrieden damit, daß er Stephanus unter den Steinwürfen seiner Ankläger hatte zusammenbrechen sehen, ließ er sich von dem Hohenpriester die Vollmacht ausstellen, alle Gewalt gegen die Christen gebrauchen zu dürfen. Gründlich nützte er diese Vollmacht aus. „Saulus wütete furchtbar gegen die Kirche“, berichtet die Apostelgeschichte; „er drang in die Häuser ein, schleppte Männer und Frauen fort und warf sie ins Gefängnis“ (Apg 8, 3). Aber auch damit war er noch nicht zufrieden. „Noch immer brannte er voll Wut und Mordgier gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen von Damaskus. Anhänger der christlichen Lehre, die er fände, Männer und Frauen, wollte er gefesselt nach Jerusalem bringen. (Apg 9, 1f). Kein Wunder, daß die Christen in Damaskus erbleichten, als sie hörten, Saulus käme. Den größten Schrecken hatte wohl ein Jünger des Herrn, der Ananias hieß. Ihm gab Christus selber den Befehl, er solle geradezu auf Saulus zugehen; Saulus sei schon in der Stadt, er wohne in der „Geraden Straße“, im Hause des Judas. „Herr“, rief da Ananias, „das ist doch der Saulus, der in Jerusalem den Christen so viel Böses angetan hat und auch hier alle Christen fesseln lassen will!“

Ja, das war der nämliche Saulus, und doch war er nicht mehr der nämliche. Der niedersinkende Stephanus hatte auch für ihn gebetet und draußen vor der Stadt Damaskus hatte der Herr ihn in den Staub geworfen und ihn zu dem demütigen Wurm gemacht, der gewöhnlich der Vater des heiligen Helden ist. Vor einem plötzlich vom Himmel herabfallenden Licht war er niedergestürzt.

Saulus, warum verfolgst du mich?“

„Wer bist du, Herr?“

„Ich bin Jesus, den du verfolgst.“

„Herr, was willst du, das ich tun soll?“

„Steh auf, geh in die Stadt; dort wird man dir sagen, was du tun sollst!“

Es gab forthin selten ein Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch, das so tief und weithin die Geschichte des Reiches Gottes bestimmte.

Die Gefährten des Saulus, die wohl die Worte des Herrn gehört, aber niemand gesehen hatten, führten den hilflosen, geblendeten Mann nach Damaskus, in das Haus des Judas. Da saß er nun drei Tage lang, sah nichts, aß nichts, trank nichts — und betete. Nur im Geiste ließ ihn Gott sehen, wie ein Mann hereintrat und ihm die Hände auflegte und ihm das Augenlicht wiedergab. Auf diesen Mann wartete nun Saulus.

Endlich öffnete sich die Türe und er hörte eine Stimme: „Bruder Saulus, der Herr Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist, hat mich gesandt; du sollst das Augenlicht wieder erhalten und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.“

Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen. Er sah wieder, stand auf und empfing die heilige Taufe. Dann nahm er Nahrung zu sich und erholte sich (Apg 9, 17-19).

Als Ananias bei dem Namen Saulus zusammengefahren und mit Einwendungen gekommen war, hatte der Herr ihn beruhigt und gesagt: „Geh nur hin; denn er ist mir ein auserwähltes Werkzeug, um meinen Namen vor Heiden und Könige und die Kinder Israels zu bringen. Ich will ihm zeigen, wieviel er für meinen Namen leiden muß“ (Apg 9, 15 f).

Es dauerte aber noch drei Jahre, bis die Welt in Saulus das auserwählte Werkzeug erkannte. Drei Jahre nämlich lebte nun Saulus in einer geheimnisvollen Verborgenheit in Arabien. Als er aber dann wieder nach Damaskus zurückkehrte, kam die Stadt aus der Überraschung nicht mehr heraus; denn sofort ging Paulus in die Synagogen und predigte, daß Jesus von Nazareth der Sohn Gottes sei.

Die Juden stutzten, stießen sich an und sprachen: „Ist denn das nicht der Mann, der in Jerusalem die Bekenner des Namens Jesu verfolgte? Ist er nicht hierhergekommen, um sie gefesselt zu den Hohenpriestern zu bringen?“ (Apg 9, 21). Was sie aber auch sagten, Saulus kümmerte sich nicht darum; immer eindringlicher redete er auf die Juden ein, immer überzeugender bewies er ihnen, daß Jesus von Nazareth der verheißene Messias sei, und schließlich kam die ganze Judenschaft von Damaskus in eine heillose Verwirrung. Der Weg, den Saulus vorher gegen die Christen gezeigt hatte, wurde nun gegen ihn selber eingeschlagen: die Juden planten, ihn zu ermorden und, weil sie fürchteten, er könne ihnen entwischen, ließen sie Tag und Nacht die Tore bewachen. Er entwischte ihnen aber doch. Die Christen ließen ihn nämlich bei Nacht in einem Korb über die Mauer hinab. Gar nicht lang und er war in Jerusalem.

Hier eine ähnliche Verwirrung, hier besonders bei den Christen. Als nämlich Saulus auf sie zuging, stoben sie auseinander und wenn er ihnen  nachrief, er sei jetzt selbst ein Jünger Jesu, glaubten sie es nicht. Seine Rettung war Barnabas, ein Vetter des heiligen Markus. Barnabas wußte, was mit Saulus geschehen war. Er kannte die Ereignisse, die sich nach der Bekehrung des Saulus in Damaskus abgespielt hatten. Auf sein Zeugnis hin verloren die Christen von Jerusalem ihr Mißtrauen und nahmen Saulus wie einen der Ihrigen auf. Durch Barnabas wurde Saulus dann den Aposteln vorgestellt und wie in Damaskus begann er jetzt auch in Jerusalem, den Namen Jesu zu verkünden. Wer mit Jesus geredet hat, kann ja niemals mehr von ihm schweigen.

Hier in Jerusalem wandte er sich jedoch nicht bloß an die Juden, er ging auch an die Heiden heran. Dazu war er wohl vorbereitet durch die griechische Bildung, die er in Tarsus genossen hatte. Wiederum zeigte ihm der Herr, wieviel er für ihn leiden solle. Auch hier wie in Damaskus: man wollte ihn umbringen. Die Christen erfuhren jedoch von dem Plan und brachten ihn mit sicherem Geleit in die Hafenstadt Cäsarea am Mittelmeer; dort bestieg er ein Schiff und kehrte in seine Heimat Tarsus zurück.

Aber um in Tarsus zu bleiben, dazu hat dich der Herr nicht auserwählt, Saulus!

Eine kleine Weile und wir werden dich wiedersehen.

So war es mit den drei verborgenen Jahren in Arabien, die der ersten Predigt in Damaskus vorangingen, so ist es im Leben der Helden und Heiligen: Die Hand zurücknehmen heißt ausholen, nur auf der zurückgespannten Sehne kann der Pfeil vorschnellen und der Rückzug dient nur dem Anlauf zum kühnen, entscheidenden Sprung.

Fortsetzung folgt mit Kap. „Die erste Missionsreise des heiligen Paulus„.

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2 Gedanken zu “Kirchengeschichte: Die Berufung des Saulus zur Heidenmission

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