Kirchengeschichte: Die Kirche auf dem Zug nach Westen

Nach dem Kapitel “Der Abschluß des Kampfes der Juden gegen die Urkirche” folgt heute das erste Kapitel aus dem Abschnitt „Die Kirche und die römische Staatsgewalt“ aus dem Buch “Geschichte der Kirche Christi” von DDr. Johannes Schuck aus dem Jahr 1938 (Echter Verlag):

Jerusalem war zerstört, jedoch nicht so vollständig zerstört, daß auf seinem blutgetränkten Boden und in seinen geschleiften Mauern kein Leben mehr geblieben wäre. Außer dem westlichen Teil seiner Ringmauern waren von den Römern drei Türme verschont worden; sie dienten der römischen Besatzung zum Schutz. Aber auch Juden sammelten sich wieder auf dem Boden Jerusalems. Entsetzt über die Verwüstung schlichen sie durch die leergebrannten Häuser. Die verglimmenden Funken der rauschenden Tempeltrümmer entzündeten einen lichterlohen Haß gegen Rom. Rache für Jerusalem war der Traum des Judentums viele, viele  Jahrzehnte lang. Allein so oft es aufstand, ihn zu verwirklichen — die Römer wachten und drückten das sich aufbäumende Volk auf den Boden nieder. Einmal aber gelang es den Juden, das ganze rachedurstige Land aufzupeitschen und einen Kampf zu entfesseln, gegen den alle früheren Erhebungen Plänkeleien waren. Der Aufruhr wuchs sich zu einem wirklichen Empörungskrieg aus und wurde für das an Aufstände wahrlich nicht ungewohnte römische Reich zu einer schweren Sorge.

Es war im Jahre 132, unter der Regierung des Kaisers Hadrian. Ein riesiger, bis dahin gänzlich unbekannter Mensch tauchte auf und trommelte die haßerfüllten Juden zur Sammlung und zum Angriff. Bar Kochba, Sohn der Sterne, nannte man ihn. Von allen Seiten strömten ihm die Juden zu und innerhalb Jahresfrist stand er an der Spitze von vierhunderttausend Mann. In kurzer Zeit waren fünfzig feste Plätze und tausend Ortschaften in seiner Hand. Die Juden waren berauscht. Sie hielten Bar Kochba für den lang und sehnsüchtig erwarteten Gesandten Gottes und Bar Kochba selbst soll im Übermut gebetet haben: „Herr, wenn Du uns nicht helfen willst, so hilf auch den Feinden nicht; dann werden wir nicht untergehen.“ Christen, die ehedem Juden waren, wurden grausam verfolgt; sie konnten nicht wie die Römer der Gewalt die Gewalt gegenüberstellen und weil sie infolge ihrer Bekehrung zu Christus als Verräter am Judentum angesehen wurden, war die Erbitterung der Juden gegen sie fast wütender, als sie gegen die Heiden war.

Aber die Römer blieben schließlich auch jetzt wieder Herr. Der Kampf zog sich allerdings bis zum Jahr 135 hinaus‘; dann war Palästina eine Wüste. Fünfhunderttausend Juden waren im Lauf dieser vier Jahre gefallen und wer noch lebte und den Römern in die Hände fiel, wurde in die Sklaverei verkauft; zu den geringsten Preisen, so viele waren es.

Flüchtlinge wurden zu Tode gehetzt oder sie kauerten zitternd und hungernd in Höhlen und Klüften und aßen sich stier und verzweifelt an den Leichen Pest und Tod hinein. Kraft kaiserlichen Befehles sollte kein Jude oder Judenchrist künftighin auf dem Boden Jerusalems leben dürfen; eine rein heidnische Stadt wurde darauf erbaut und an die Stelle des jüdischen Heiligtums stellte sich stolz ein heidnischer Göttertempel.

Damit war freilich Jerusalem aus dem Gesichtskreis der Christen keineswegs verschwunden; noch weniger aus dem Gesichtskreis der in der Welt zerstreuten Juden. So ehrwürdig aber sein Boden den Juden war so heilig er den Christen war und blieb — war er doch geheiligt  das kostbare Blut Jesu — die Rolle Jerusalems als religiöser Mittelpunkt war ausgespielt, „das unvollkommene Alte“ war dem neuen Reich gewichen und um diesem seinem neuen Reid eine Mitte zu schaffen, ging der in seinen Jüngern weiterlebende Jesus mit unsichtbaren Schritten über die Erde hin. — Wohin?

Südlich von Palästina, an der Küste Ägyptens lag eine große, mächtige Stadt, die zweitgrößte Stadt der damals bekannten Welt; zu manchen Zeiten sogar die größte; ein Mittelpunkt des Welthandels und zugleich Mittelpunkt der griechischen Geistesbildung — Alexandria. Es wäre gar nicht weit hin gewesen; aber der Herr ließ Alexandria links liegen.

Schon früher, bereits im ersten Jahrzehnt der Urkirche hatte nördlich von Palästina eine fast ebenso mächtige Stadt wie Alexandria, die drittgrößte bekannte Stadt für das junge Christentum eine große Bedeutung gewonnen und man kann sagen, einen gewissen Abzug von Jerusalem eingeleitet. Hier, in Antiochia weidete sogar der heilige Petrus eine Zeitlang die Lämmer des Herrn; aber nur vorübergehend, seines Bleibens war hier noch nicht. Die Stätte, wo der Herr ihm den Hirtenstab aus der müden Hand nehmen und wo Jesus mit der Übergabe des Hirtenstabes an Petri Nachfolger den sichtbaren Stellvertreter auf Erden haben wollte, lag woanders. Sie lag auch nicht in dem nahen Griechenland; es war nicht Athen mit seinem unsterblichen Namen, es war nicht das reiche, geschäftige und fröhliche Korinth — immer weiter nach Westen, über das Adriatische Meer hinüber.

Dort streckt das europäische Festland einen mächtigen Arm weit in das Mittelländische Meer hinein, nur einen leicht bewachbaren Durchgang zwischen sich und der Küste Afrikas lassend, wie um das große Weltgeschehen aufzuhalten, wenn es von Osten her nach dem Westen schreitet, wie um das Meer in eine Reihe von Wasserstraßen auseinanderzureißen und zugleich ein Ziel zu schaffen, wo die von allen Seiten herbeieilende Bewegung münden und von wo sie wieder auslaufen kann: das ist die Apenninenhalbinsel — Italien.

Schon den Griechen, die früher in die uns bekannte geschichtliche Entwicklung eintraten als die Bewohner Italiens, war es aufgefallen, wie wohlwollend die Natur die nachbarliche Halbinsel ausgestattet hatte und wie günstig sie für die Beherrschung der Länder um das Mittelmeer lag. Napoleon I. behauptete sogar, um eine Großmacht zur See zu werden, sei kein anderer Teil Europas so vorteilhaft gelegen. Das sind keine müßigen Beobachtungen und Bemerkungen. Alles Erdengeschehen ist ja an die Erde gebunden; die Geschichte an das Land, worauf die geschichtlichen Ereignisse sich abspielen. Auch die Geschichte der Kirche ist ein Erdengeschehen, wenn auch nach der Himmelshöhe strebend, so doch im Erdengrund verwurzelt; darum muß, wer die Kirchengeschichte verstehen will, auch nach den Ländern und ihrer Lage sehen.

Was Napoleon vor allem zu seinem Urteil über die Eignung Italiens zur Seemacht veranlaßte, war die große Küste dieses Landes. Seine großen und kleinen Inseln miteingerechnet hat die Halbinsel zwölfhundert Meilen Küste; ein Drittel mehr als Spanien, um die Hälfte mehr als Griechenland. Ungefähr in der Mitte der Westküste mündet der Tiberfluß in das Tyrrhenische Meer; rechts und links dieses Flusses, nicht weit von seiner Hafenstadt Ostia in das Land hinein, liegt die Stadt, deren Name so bekannt und leuchtend ist, wie ihr Ursprung unbekannt und dunkel ist: Rom, das „ewige“ Rom, wie die Stadt schon im Altertum genannt wurde, wohl mehr in die Zukunft weisend als auf die Vergangenheit bezogen. Zur Zeit Christi stand Rom ja erst achthundert Jahre, war aber immer schon der Mittelpunkt des römischen Staatswesens von seinen Anfängen an. Bereits zur Zeit, als an seiner Spitze noch Könige standen, dann in der Zeit des Freistaates von 530—31 vor Christus und ebenso in den Tagen des Kaiserreiches war Rom die Stadt, die dem Reich nicht bloß den Namen gab, sondern auch dessen Herz und Hirn war.

Die überragende und beherrschende Stellung Roms zeigt sich schon in seiner Ausdehnung und Größe. Es bedeckte zwölfhundertdreißig Hektar Boden und hatte in den ersten Jahrhunderten der Kaiserzeit etwa hunderttausend bis eine Million Einwohner. Um die Bedeutung dieser Zahl zu erfassen, muß man sie an der damaligen Bevölkerung Italiens und des ganzen römischen Reiches messen. Das römische Reich zählte in  jener Zeit siebzig Millionen und Italien zählte sechs Millionen Einwohner. Fast ein Sechstel der Bewohner Italiens lebte also damals in Rom; Rom besaß demnach im damaligen Italien eine viel größere Bedeutung, als sie es für das heutige Italien hat. Aber mehr noch als durch seine Größe und damit durch seine Macht war Rom zur Zeit der Apostel auch dadurch Haupt und Mitte des römischen Reiches, daß hier des Reiches Pracht zusammenfloß. Um die Zeit Christi wurde die ehemalige Backsteinstadt Rom zu einer Marmorstadt. Gebüsche und Baumgruppen, plätschernde Springbrunnen und kostbare Säulen machten den Hof des römischen Hauses zu einem kleinen Paradies. Der Marmorestrich des Bades prunkte im roten Schein, den die südliche Sonne durch die von einem Säulendach zum andern gespannten Purpurdecken warf. In den Wohnräumen waren die Böden mit kunstvollen Mosaiken und die Wände mit unmeßbare Fernen vortäuschendem Spiegelglas bedeckt. Über dem Speisesaal wölbten sich bewegliche Felderdecken, so daß nach jedem Gang der Mahlzeit die Decken des Saales gewechselt werden konnten. Alle Pracht der Bürger war jedoch nur ein Abglanz der kaiserlichen Pracht. Der Kuppelsaal, in dem die strotzenden und schäumenden kaiserlichen Gelage stattfanden, drehte sich Tag und Nacht um seine eigene Achse.

Aber auch wenn es gelänge, das Unmögliche gelänge, alle Pracht des kaiserlichen Rom widerzuspiegeln, Rom würde damit nicht erkannt und erfaßt; Rom ist mehr als die Stadt am Tiber; Rom ist der römische Geist.

Fortsetzung folgt mit dem Kap. „Die für die Kirche wertvollen Kräfte des römischen Wesens„.

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